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22.02.2020, 21:17 Uhr
Vom in der volkseigenen Industrie tätigen Ingenieur zum hauptamtlichen Laienspieler in der Politik
Erinnerungen an die Zeit vor der Volkskammerwahl 1990 von Dr.-Ing. Rainer Jork
Wenn ich mich heute, nach 30 Jahren, besinnen will, warum, wieso und auf welchem Wege ich innerhalb eines guten halben Jahres ohne Anfangsabsicht von einem in der volkseigenen Industrie tätigen Ingenieur bzw. vom Ingenieurschuldozenten zum hauptamtlichen Volkskammerabgeordneten mutierte, dann sehe ich für mich und meine Familie fünf ganz markante Wegkreuzungen, die zu dieser Entscheidung führten: das Paneuropäische Picknick am 19. August 1989 in Fertörakos; die Dresdner Kreisdelegiertenkonferenz der CDU am 30. November 1989; der Besuch von Helmut Kohl im Dezember 1989; der Kontakt mit der CDU aus der Radebeuler Partnerstadt St. Ingbert; sowie die Nominierungsveranstaltung für die Volkskammerwahl im Kreis Dresden und damit natürlich das Wahlergebnis am 18. März 1990.
 
Dr. Rainer Jork (CDU), am 18. März 1990 freigewählter Volkskammerabgeordneter für Radebeul
Meine Arbeitsstelle, die Ingenieurschule für Kraft- und Arbeitsmaschinenbau Meißen, hatte einen Kooperationsvertrag mit der Universität in Sopron, auf dessen Grundlage wir unsere Ferien 1989 dort verbringen konnten. Unsere erwachsenen Kinder waren mit dem Fahrrad in Ungarn unterwegs und eben zu dieser Zeit bei uns in Sopron. Mit einem kleinen Plakat im Eingangsbereich des Studentenwohnheims, in dem wir wohnten, wurde in deutscher Sprache zur Teilnahme an einem paneuropäischen Picknick in Fertörakos „am Ort des Eisernen Vorhangs“ am 19. August 15 Uhr eingeladen. In dieser Zeit waren die Botschaften in Budapest und Prag von Ausreisewilligen aus der DDR dicht gefüllt. Es schien ganz natürlich, dass meine Familie beim Picknick dabei sein wollte. Wie ich später feststellte, war es richtig, dass ich mich durchsetzte und wir nicht hingingen. Nahezu 700 DDR-Bürger stürmten damals stimmungsgeladen die Grenze und flohen nach Österreich. Wir hatten uns entschieden: Radebeul bleibt unser Zuhause!

Mit dem sichtbaren Wahlbetrug um die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 war für breite Teile der Bevölkerung der DDR das Maß des Erträglichen überschritten. Der CDU-Brief aus Weimar vom 10. September ermutigte auch die Radebeuler CDU-Ortsgruppe, deren Vorstandmitglied ich war, konkrete Forderungen an den Hauptvorstand der CDU in Berlin zu richten. Danach wurden mit Schreiben vom 12.10.89 u.a. „erkennbare Maßnahmen zur Effektivierung der Volkswirtschaft; eine Objektivierung der Medienpolitik; Reisemöglichkeiten; Aussagen zu Ursachen und Schlussfolgerungen in der DDR zu Ausreisen, die den objektiven Realitäten bei uns entsprechen und die Möglichkeit zur Rückkehr ausgesiedelter DDR-Bürger“ verlangt. Bei der im Rahmen einer Demonstration am 6. November 1989  in der Radebeuler Sporthalle durch einen Vertreter der CDU gehaltenen Rede wurden vehement entsprechende Forderungen , aber auch bereits Rechtssicherheit , geheime Wahlen, eine schulische Erziehung ohne Bevormundung und eine Überarbeitung der Subventionspolitik öffentlich formuliert. Die CDU wurde zu einem Motor in der politischen Entwicklung in Radebeul. 
 
Am 30. November1989 sollten in einer Konferenz der CDU des Kreises Dresden im Dresdner Carolaschlößchen u. a. die Teilnehmer beim 17. Parteitag der CDU am 15. und 16. Dezember 1989 in Berlin bestimmt werden. Der Versammlung wurde eine bereits vorher festgelegte fertige Teilnehmerliste zur Bestätigung  präsentiert, die im Wesentlichen hauptamtliche Mitarbeiter der CDU aufwies. Hier verlangte ich nun öffentlich, dass die Teilnehmer doch wohl von der Versammlung vorgeschlagen und gewählt werden, sich vorher auch vorstellen sollten. Das geschah dann auch so, und ich selbst wurde Delegierten zum Parteitag. Man lernte, den Mund auf zu machen.
 
Ich erlebte persönlich den Bundeskanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche, wo er  spontan sagte: „Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation“. Ich konnte mir damals mit Blick auf die gegebenen Produktions- und Arbeitsbedingungen und die eigenen 20-jährigen Erfahrungen in der volkseigenen Industrie der DDR allerdings nicht vorstellen, wie die beiden Wirtschaftssysteme ohne erhebliche Verwerfungen und Defekte neu und konstruktiv in überschaubarer Zeit gut funktionierend gestaltet werden könnten, aber von da ab träumte ich von der Einheit Deutschlands und wollte dafür wirken.
 
Seit dem 24. Juni 1988 bestand offiziell eine Städtepartnerschaft zwischen Radebeul und St. Ingbert im Saarland, der Heimat von Karl Marx und Erich Honecker. In der „Erklärung zum Protokollvermerk zur Vereinbarung der Städtepartnerschaft“ zum gleichen Datum ist zu lesen: „Durch die Städtepartnerschaft werden keine besonderen Beziehungen zwischen Betrieben, Einrichtungen, Parteien, Organisationen oder anderen Gruppierungen bzw. Institutionen begründet“. Immerhin durften ausgewählte Vertreter der im sog. Demokratischen Block vertretenen Organisationen und Parteien – natürlich ohne Rederecht – auf Gästeplätzen anwesend sein. Die Kontaktnahmen, das gegenseitige Abtasten und das zunehmend freundschaftliche Zusammenwirken der CDU-Mitglieder in St. Ingbert und Radebeul wurden endlich gegen Ende des Jahres 1989 möglich. Von den CDU-Partnern in St. Ingbert kam dann auch die Ermutigung dafür, dass ich mich am 9. Februar 1990 zum Vorsitzenden der Radebeuler CDU wählen ließ.

Der Aufforderung, mich für die CDU des Bezirks Dresden als Kandidat für die kommende Volkskammerwahl aufstellen zu lassen, kam ich erst nach einigem Zögern nach. Wollte ich doch einerseits jedenfalls meine Arbeit als Dozent an der Ingenieurschule Meißen, die mich erfüllte,  – auch unter neuen technischen Bedingungen- fortführen. Ich war unter anderem soeben dabei, das Labor für Automatisierungstechnik zu aktualisieren. Mit Kollegen der Ingenieurschule besuchte ich unter ausschließlicher Nutzung meiner privaten Verbindungen vergleichbare Bildungseinrichtungen in der Bundesrepublik, und wir stellten fest, dass wir im fachlichen Wettbewerb sehr gute Ausgangsbedingungen vorweisen konnten. Andererseits war ja überhaupt nicht klar, wie oft die Volkskammer wohl tagt, welche Arbeitsbedingungen vereinbart werden würden. Ich ging, wie andere auch,  davon aus, dass die Abgeordnetentätigkeit ehrenamtlich sein wird.
Am 24. Februar 1990 wurde ich als ein Kandidat der CDU des Bezirks Dresden für die kommende Volkskammerwahl nominiert und stellte mich in den nächsten Tagen im Dresdner Umfeld vor, wurde dann in der ersten freien Wahl  am 18. März als Abgeordneter gewählt. Meine Vorstellungen waren immer davon geprägt, dass ein Abgeordneter in sich eine Einheit von Kompetenz, Integrität und Befugnis bieten muss. Am 5. April fand für mich die erste Sitzung der Volkskammer in Berlin statt. Eine vorher nicht kalkulierbare, überaus spannende, lehrreiche und anstrengende Zeit in der „großen Politik“ begann für mich und meine Familie. Ich wurde ein Teil derer, die man mitunter als Laienspieler in der Politik bezeichnete.
 
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